Enorme Vokabeldichte bei "Shakespeare in Danger"

Ganz abgesehen vom akademischen Anspruch der Aufgabe zu Shakespeare’s in Danger fällt die Dichte des Vokabulars auf, von dem man vermuten muss, daß es unbekannt ist oder zumindest nicht geläufig, so daß es im Wörterbuch aufgesucht werden muß. Diese Häufung von unbekanntem Wortmaterial ist keine Ausnahme bei Abitursaufgaben und entsprach bereits zu Zeiten vor der Zentralisation den amtlichen Vorgaben. Wer als aufgabenstellender Lehrer seinen Schülern vorhersehbare Schwierigkeiten  aus dem Weg räumte, indem er die realistische Menge an Wortschatz bereitstellte, wurde von der Behörde zurückgepfiffen. Blieb er bei seinem schüler-freundlichen Kurs, wurde er einbestellt. Wir zählen in dieser Textvorlage mindestens 40 Vokabeln bzw. Mehrwort-Ausdrücke (miss the target / take Shakespeare in hand), die nachgeschlagen werden müssten. Um zu verdeutlichen, wie stark fragmentiert der Proband den unbekannten Text erlebt, hier eine grafische Darstellung, in der die Problemausdrücke markiert sind:

Vokabeldichte Shakespeare in Danger 2011 S.1

Vokabeldichte Shakespeare in Danger 2011 S. 2Die Annotations (S. 2) sind keine große Hilfe. Warum bspw. die King James  Bibel erwähnt wird, kann der Prüfling nur erraten. Ebensowenig nutzt der Eintrag zu der TV-Serie Hollyoaks. Bei tv.com heißt es dazu:

„Its story lines include self-harm, serial murder, explosions, car crash, adultery, fires, sexuality, suicide, street crime, gangsters, drinking, drugs, mental health (schizophrenia), domestic abuse (men and women), cults, deception, credit card fraud, incest, perjury, false imprisonment and rape (inc male rape)“.

Daß nicht jedermann Jim Carrey kennen muß – oder wissen muß,  welche Sorte Humor er vertritt – steht außer Frage. Die Anspielung, die nur einem Insider-Publikum etwas sagt,  muß an den Schülern vorbeigehn. Schade – auch sie gehört zur Aussage.

Warum ausgerechnet in Shakespeares Globe Theater der protagonist  mit den Beinen in der Luft strampelt (und daß dies zu den antics gehört), wird dem Schüler wohl nicht unmittelbar klar, wenn ihm die Usancen des postmodernen Theaters nicht geläufig sind.  Was Great Unreads bedeutet, und daß dies im Zusammenhang mit dem literary canon zu sehen ist, ebensowenig. Welcher Literaturkanon gemeint ist und für wen er gedacht ist, bleibt im Dunkeln. Schließlich: Vokabeln wie postmodern und linguistic bedürften einer umfassenden Erläuterung. Sie werden jedoch nicht erklärt. Fazit: Die annotations  werden ihrer Aufgabe nicht gerecht, der Proband sitzt vor einem weitgehend rätselhaften Buchstabengemisch.

Nebenbei bemerkt:
Das Zitat aus Shakespeare’s Hamlet  wird ungenau wiedergegeben. Die Originalworte des Protagonisten sind selbstverständlich The rest is silence, nicht The rest was silence.  Diese Ungenauigkeit ist gewiß unerheblich, aber so etwas ist nicht neu bei den fast immer sorglos zusammengeschusterten annotations der Qualitätsmanager im MSW.
Ebensowenig ist die Quellenangabe des Textes korrekt: Susan Bassnett, Shakespeare’s in danger. We have to act now to avoid a great tragedy, in: The Independent, 14 November 2001. Unter diesem Datum ist beim Independent kein Kommentar zu finden, auch nicht auf Nachfrage (per email) beim Archiv der Redaktion:

Independent Antwort zu Bassnett

Freundlicherweise bekam unser Team von der Verfasserin selbst eine Kopie des Originalartikels, der vom 15. 11. 2001 datiert. Soviel zur akademischen Sorgfalt der Aufgabenkommission. Das gilt leider nicht nur für die Erstellung der annotations.

Der ungekürzte Originalartikel war auf Anfrage beim MSW nicht mehr verfügbar. Rätselhafterweise ist er auch nicht mit diesem (korrekten) Datum im Archiv des Independent zu finden.  Die Verfasserin S. Bassnett fand das ebenso eigenartig wie wir. Wer hier an Urheberrechtsprobleme denkt, liegt vielleicht nicht ganz falsch.

Bearbeitungszeit reduziert sich um mind. 1/2 Stunde

Kritisch wird es, wenn man sich die Zeitbilanz vor Augen hält, die den Probanden in Bedrängnis bringt.  Geht man aus von durchschnittlich 30 – 40 Sekunden für das Aufsuchen einer unbekannten Vokabel im Wörterbuch – reichlich Übung im Nachschlagen vorausgesetzt – so kommt man auf mindestens 20 Minuten, die ihm verlorengehen. Er liest den Text nicht einfach so runter, das muß – bitteschön – klar sein. Üblicherweise wird er wohl die deutsche Entsprechung irgendwie notieren, vermutlich in Mikro-Schrift oberhalb der unbekannten Vokabel. Damit geht weitere Zeit verloren.

Einzelne Vokabeln oder Ausdrücke können wesentlich mehr Zeit in Anspruch nehmen beim Nachschlagen. Willkürlich haben wir witticism für einen stellvertretenden Probelauf genommen. Das Aufsuchen dieses Wortes gestaltete sich im OA Learner’s umständlich: Zunächst wird der Suchende auf wit  verwiesenwas erneutes Navigieren nötig macht. Dort erfährt er erst am Schluß des Eintrages etwas über witticism:

oal-vokabel-witticism

Er geht dann noch einmal zu witty, um zu erfahren, daß es full of clever humour bedeutet, weiß aber deswegen noch längst nicht, was ein witticism  ist. Der gesamte Vorgang dürfte zwei bis fünf Minuten in Anspruch nehmen.  Hätte er den OAL Dictionary in digitaler Form zur Verfügung, würde das Ganze maximal 10 Sekunden dauern. Dies wäre dann die Auskunft.

Die Frage muß erlaubt sein, warum witticism  nicht sofort mit der Erläuterung clever and amusing remark in den sog. annotations erscheint. Hier ist etwas oberfaul mit der Operationalisierung des Prüfungsgeschehens: Will man im Zentral-Abi die Fähigkeit testen, Wörter nachzuschlagen und ihre Bedeutung zu notieren? Oder will man die Fähigkeit testen, Texte zu erschließen, zu analysieren und zu interpretieren? Will man alles auf einmal, sollte man das Zeitkontingent etwas luxuriöser bemessen. Wir würden ein komplettes Wochenende vorschlagen.

Um also schließlich das neue Vokabular in das Gesamtverständnis zu integrieren, braucht es erneutes close reading des Textes, diesmal unter Einbeziehung der eigenen Kritzeleien. Das ist mühsam und die Textrezeption bleibt fragmentarisch, das Verständnis der eigentlichen Aussage verwaschen. Insgesamt dürfte weit mehr als eine halbe Stunde vergehen – bei insgesamt 3 Stunden Prüfungszeit – bis der Text auch nur einigermaßen beim Leser angekommen ist. Die völlig beliebig erscheinende Kürzung des Textes macht die Sache nicht einfacher. Wie der Text zunächst bei einer ersten Lektüre beim Schüler ankommt, haben wir mal hier simuliert.

Daß seit kurzem auch zweisprachige Wörterbücher zugelassen sind (endlich!), ist eine Hilfe. Besser wäre es, man würde ähnlich verfahren wie es die Autorin der Textvorlage für das Verständnis von Shakespeares Renaissance-Englisch vorschlägt – für englische Schüler: What we need is good English translators … Man kann das fortspinnen: Ein Paralleltext der Vorlage in deutscher Fassung wäre die faire Alternative für alle Abitursprüfungen. Die Aufgabe selbst – Zusammenfassung, Analyse und Interpretation der Originalvorlage in der Zielsprache Englisch-  ist bereits schwierig genug. Es wird Zeit, ihren weltfremden Anspruch zu überdenken.

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Über Saint Paul

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