„Immigration Policy“- Wie man eine politische Rede verhunzt.

Die Sachtext-Aufgabe für den Grundkurs im Abitur 2013 ist schlicht ungültig, aus dem einfachen Grund, weil Erkenntnisse eingefordert werden, die auf der Grundlage des ex-trem verstümmelten Original-Textes nicht möglich sind. Zur Erklärung:

Das Original der Rede hat 4475 Wörter,  das für das Abitur verwendete  Fragment (s. Kürzung Immigration) nur 587, ein Bruchteil des Originaltextes. Innerhalb dieses Textfragments befinden sich bereits willkürliche Kürzungen, deren Sinn nicht ohne weiteres zu erfassen ist. Das ist auch ziemlich egal, bei dieser brutalen Verstümmelung einer politischen Rede, die in ihrer vollständigen Version eine wohlüberlegte Aussage und Argumentation hat. Warum läßt man nicht sofort die Finger von einem solch bedeutungs-trächtigen Dokument, anstatt es nach Belieben zusammenzustreichen? Man kürzt ja auch nicht Schillers Lied von der Glocke (2043 Wörter) auf die ersten 3 Strophen (150 Wörter), um es sodann interpretieren zu lassen.

Nach 587 Wörtern des zensierten Originals zieht das MSW also die Notbremse. Warum? Der Text  ist für Abiturszwecke zu lang. Damit werden de facto nur 13% des Gesamttextes in den Blick genommen. Der Rest der Rede fehlt – immerhin satte 87%. Was würden David Cameron und sein Ghost Writer dazu sagen, daß man nach dieser extrem eingekochten Version die Aufgabe stellt: Examine the way in which Cameron tries to convince his listeners of his views on immigration. Focus on Cameron’s line of argument, techniques of persuasion and use of language?  (sog. Analysis). Darf’s noch ein bisschen mehr sein? Mit der größten Selbstverständlichkeit wird angenommen, die Argumenta-tionskette (line of argument) und Redemittel seien nach der Eröffnung der Rede bereits erschöpft.

Die Klausur ist ein einziger Witz, und es liegt auf der Hand, daß sie keine Grundlage hat. Die dramatische Kürzung – im  Zusammenhang mit der ungültigen Analysis-Aufgabe – läßt keinen realistischen Blick auf Konzept und Aussage der Rede zu und rechtfertigt damit bereits eine Anfechtung der Prüfung, unabhängig von der erbrachten Eigenleistung des Prüflings. Noch einmal deutlich: dieser amputierte Text ist nicht interpretierbar. Punkt.

Zum Widerspruchsverfahren u. a. hier. Benutze, wenn Du möchtest, die Suchzeile (unter dem Bild der Queen), um mehr zu erfahren zum Widerspruch.

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Über Saint Paul

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5 Antworten zu „Immigration Policy“- Wie man eine politische Rede verhunzt.

  1. Saint Paul schreibt:

    Danke, ohoh, für den Kommentar, in dem ich nichts Neues entdecken kann. Deswegen hier auch keine Replik. Die weltfremde Ansicht, daß es sich bei Abiturienten um Anglistikstudenten im 8. Semester handelt – hier mit Politikwissenschaft im Beifach – scheint sich jedenfalls bei Hardlinern zu halten.
    Zu Ihrer Kritik unter „1.“, der sog. Erwartungshorizont sei wünschenswert:
    Der ist seit 2013 Bestandteil des Blogs. Schauen Sie im Suchfenster unter dem Stichwort Abi 2013.

  2. ohoh schreibt:

    Also ich verstehe die ganze Aufregung hier nicht. Das ist eine absolut zulässige Kürzung. Die Abiturvorgaben haben nunmal eine maximale Grenze die Ausgangstextlänge betreffend. Das ist ja auch durchaus sinnvoll, da die Aufgaben nicht wie bei einer Facharbeit über Tage zu Hause am Schreibtisch bearbeitet werden sondern in einer stark begrenzten Zeit während des Klausurtages. Würden für Klausuren ausschließlich Texte verwendet, die diese maximale Wortgrenze nicht überschreiten, wäre der Vorrat schnell erschöpft. Gute Reden (Romane, Kurzgeschichten etc.) sind nunmal in der Regel länger als 600 Wörter. Bis zu drei Kürzungen sind absolut zulässig.

    Natürlich muss sinnvoll gekürzt werden. Wenn z.B. mehrere Themenbereiche angesprochen werden, kürzt man den einen weg. Das ist hier geschehen. Es verlangt ja niemand, dass die Argumentationsstruktur der gesamten Rede analysiert wird, wenn nur ein Teil vorliegt. (!!!???!!!) Aufgrund der Kürzungen ist diese Textvorlage extrem übersichtlich und leicht verständlich. Wer damit ein Problem hatte, hat scheinbar die 2 Jahre vorm Abitur verschlafen…

    Es gibt durchaus in jedem Abiturdurchgang unbrauchbare oder schwer zu bearbeitende Texte, aber 1. dieser gehört meines Erachtens nicht dazu… (man müsste aber auch den Erwartungshorizont dazu hochladen, sonst ist diese Diskussion witzlos),
    2. hat der Fachlehrer die Freiheit, etwaige „Unlösbarkeiten“ bei der Korrektur zu berücksichtigen (entgegen einiger Meinungen korrigieren wir Lehrer gerade im Abitur so wohlwollend wie möglich, wollen das Bestmögliche für unsere Prüflinge rausholen),
    3. gibt es ja immerhin zwei Texte zur Auswahl, wer sich gut auf alle Textsorten vorbereitet hat, wählt einfach den leichter zu bearbeitenden Vorschlag… sich vorher zu sagen „ich nehme auf jeden Fall den Sachtext“ macht wenig Sinn…

  3. S schreibt:

    NRW, aber es war nicht meine Abi-Klausur, sondern eine normale Klausur in der Oberstufe, gestellt von dem Lehrer, daher hätte sich der Lehrer über den Text informieren können.

    AFB 1 ist Anforderungsbereich 1, im Fach Englisch oft Comprehension genannt

  4. Saint Paul schreibt:

    Du schreibst, „der Text war etwas anders gekürzt“.
    Diese Aufgaben wurden in NRW gestellt. In welchem Bundesland fand Dein Abitur statt?
    Und nur mal der Neugierde halber: Was heißt „AFB 1“?

    Ob Dein Lehrer andere Aufgaben ebenso nachsichtig bewerten würde, kann von hier aus nicht beurteilt werden. Daß er das hier getan hat, ist aber zwingend anzunehmen, denn die Aufgabe ist nicht lösbar auf der Grundlage des Textes.
    Was das „Artefakt“ angeht, so muß man den Lehrer in Schutz nehmen. Er sieht zwar beim Öffnen des Umschlages mit den Prüfungsaufgaben, daß der Text Kürzungen enthält. Aus den Kennzeichnungen für die Kürzungen (Auslassungszeichen […]) geht aber nicht hervor, wieviel an Text herausgekürzt wurde. Das können Satzteile sein, ganze Sätze, aber auch mehrere Abschnitte. Letzteres war ja hier der Fall.
    Beim Austeilen der Aufgaben kann der Lehrer unmöglich sofort erkennen, ob die Aufgabe brauchbar ist oder nicht. Diese Entscheidung haben die Verwalter des zentralen Abiturs ihm abgenommen, er ist nur noch Vollzugsgehilfe.

  5. S schreibt:

    Irgendwie ist da was durcheinander:
    Ich habe vor einem halben Jahr diese Klausur geschrieben; wahrscheinlich, weil sie im Abitur war und das Thema aktuell war/ist. Der Text war etwas anders gekürzt, aber auch unsere Lehrer hat uns nicht verraten, dass dies nur ein Artefakt ist.

    Ich bin eigentlich nicht so gut in Englisch sprachlich und inhaltlich, dennoch war meine Klausur relativ gut und ich habe fast zwei Drittel der Punkte bei AFB 1.
    Denkt ihr mein Lehrer würde auch andere blöde Aufgaben einfach etwas besser bewerten?

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